FAZ 16.10. 2000

"Die Wüste in der Stadt"  Michael Langes Fotos aus den toten Welten von Los Angeles

von Andreas Kilb

Niemand soll sagen, Amerika hätte keine Geschichte. In New York liegt nur ein paar Schritte von der Wall Street entfernt ein Friedhof aus dem achtzehnten Jahrhundert, und in San Francisco gehört die Fahrt zur alten spanischen Mission, in der Hitchcock eine Sequenz aus "Vertigo" gedreht hat, zum Pflichtprogramm des Kulturtouristen. Das neunzehnte Jahrhundert ist für den Amerikaner, was für uns früher die frühe Neuzeit ist, das achtzehnte Jahrhundert sein Mittelalter und das siebzehnte seine Antike. Über die Zeit davor bis hinunter zu den Sauriern hat Steven Spielberg ("Jurassic Park") das Nötige gesagt.

Nur Los Angeles ist anders. L.A. hat kein neunzehntes Jahrhundert; von den zwei handvollen Gebäuden, die älter als hundert Jahre sind, stehen vier im Touristenviertel östlich der alten Kirche De la Nuestra Reina de Los Angeles, der Rest lagert auf der Museum Row am Pasadena Freeway, wo die ausrangierten viktorianischen Villen aus den westlichen Stadtteilen abgestellt werden wie Rennpferde, die ihr Gnadenbrot beim Rübenbauern verzehren dürfen. Alles andere, was die südkalifornische Ebene bedeckt, Häuser, Straßen, Flugplätze, Shopping Malls, ist jüngeren Datums. Die Stadt ist noch immer in Gründung; sie hört nicht auf, anzufangen. Ihre Geschichte ist das, was im Moment passiert oder woran sich die Eltern, die Großeltern gerade noch erinnern können. Davor liegt ein großes Dunkel, die Zeit der Kojoten, Wüstenlöwen, Goldsucher und Jesuiten, denen man glücklich entronnen ist.

Deshalb darf man den Hamburger Fotografen Michael Lange, der durch die alten Industrieviertel im Osten und Süden von Downtown Los Angeles gefahren ist und aufgenommen hat, was er dort sah, getrost als Archäologen bezeichnen. Lange hat er das verfallene L.A. der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre durchquert, seine Fotos dokumentieren eine Epoche, die für die Bewohner von Glendale, Burbank, Anaheim und Irvine, den neuen Vorstädten, in die sich der Boom in den vergangenen dreißig Jahren verlagert hat, schon unerreichbar weit zurückliegt. Von dort draußen kommt niemand je in die City of Industry. Eher fliegt man nach Hongkong oder Kapstadt. Die Welt hinter dem Mond liegt für die Eigenheimbesitzer am Stadtrand gleich um die Ecke.

Die Gegenden, die Lange in mehreren Streifzügen zwischen 1996 und 1999 erkundet hat, heißen Monterey Park, Vernon, Montebello, Pico Rivera, Bell Gardens, Downey, South Gate, Lynwood, Compton, Gardena, Torrance und Inglewood. Namen, die dem L.A.-Touristen, den es nach Hollywood und Santa Monica zieht, fremd sind. Womöglich hat er im Kino Quentin Tarantinos Filmn "Jackie Brown" gesehen; dann weiß er, dass die City of Compton (eine eigene Stadt mit Bürgermeister und Zivilverwaltung, aber ohne Stadtgrenze, wie viele der Gemeinden, die in den vergangenen Jahrzehnten aus der City of Los Angeles ausgetreten sind, ohne sie verlassen zu können) vor allen von Schwarzen bewohnt ist. Oder er kennt die rieseigen Lagerhäuser, die Schuppen, eingezäunte Wüsteneien, off-ramps und overpasses auch Michael Manns "Heat" und William Friedkins "Leben und Sterben in L.A.", aus Steven Soderberghs "The Limey" oder aus den vier Filmen der "Lethal Weapon"-Serie. Hier ist Crime Country, hier werden die Leichen beseitigt, die verbotenen Ladungen gelöscht, die geheimen Geschäfte gemacht.

Hier, im Süden und Osten des Stadtgebiets, kontrollieren die Schwarzen- und Latino-Gangs das Leben abseits der Boulevards und Avenues, hier werden die offenen Rechnungen aus dem fahrenden Auto heraus mit Kugeln beglichen, und wer tagsüber hier durchfährt - nachts bleibt man besser oben auf dem Freeway, und wer eine Panne hat und anhalten muss, drückt die Türknöpfe herunter, zückt sein Mobiltelefon, wählt 911 und wartet auf den Abschleppwagen -, vermeidet die kleinen Straßen und die alleyways, die Seitenstreifen und die Bahnübergänge, er hält sich an seinem Lenkrad fest und konzentriert sich auf die Straßennamen, Florence, Slauson, Alameda, Rosecrans, El Segundo; und irgendwann ist man draußen und sitzt in einem Café in Venice oder West Hollywood, und die Stadt ist wieder eingerastet in ihr Klischee. Palmen, Wind, die Beach Boys aus dem Radio, und alle Kellner heißen Chris. Nur die hinteren Seiten der "L.A. Times" erinnern an die Toten der Nacht, weit draußen im Land jenseits des amerikanischen Traums. "Ich habe die Wüste gesucht." Lange, der im Haus eines Freundes in Malibu wohnen durfte, hat sich die Kamera um den Hals gehängt und sich wegtreiben lassen von den Freeways, den Hauptstraßen, den sicheren Zonen, er hat sich planmäßig verirrt und verloren in den schwarzen Löchern der Autostadt. Irgendwann, irgendwo hat er dann auf den Auslöser gedrückt. Wenn man ihn fragt, erzählt er von seiner Angst, von der Hitze und Leere dieser Straßen, der Panik, die ihn überkam, wenn er zu lange vor einer Ampel halten musste, von der Dunkelheit hinter den getönten Scheiben eines Wagens, der vor einer Brandmauer steht, von Straßen, aus denen er im Rückwärtsgang wieder herausfuhr, weil er in ein paar Gesichtern etwas gelesen hatte, das sich nicht in Worte fassen ließ - von der Plötzlichkeit, der Unvermeidlichkeit, mit der ihn ein Bild, ein Ding, ein Anblick überfiel, so dass er nicht anders konnte, als zu fotografieren, schnell, spontan, aus dem fahrenden Auto heraus.

Das alles muss man nicht wissen, denn die Bilder erzählen es auch so. Da steht ein Wagen, ein Chevrolet vielleicht, vor einer gekachelten Mauer mit einer Hausnummer, "30134"; das Innere des Autos ist dunkel, vielleicht sitzt jemand darin und wartet, aber man sieht es nicht, denn der panische Blick löscht die Dinge aus, ehe er sie richtig erfasst hat. Das Auge flieht weiter, zu anderen Mauern, in endlose leere Straßen, doch die Bedrohung hört nicht auf, denn sie entsteht ja gerade aus der Leere, der Abwesenheit, den Schatten der Zäune im gleißenden Licht, den Strommasten, die im Himmel stochern, den gestutzten und mit Staub gepuderten Bäumen am Straßenrand. Die Stadt löst sich auf in ihre Zeichen: "Perez/Open 24 hrs." steht auf einer Reklametafel, "Freedom" auf einem Hausdach, "Public Storage" auf einem Gebäudeklotz, der wie ein Atombunker hinter einer Kreuzung aufragt. An einer Wand an der Ecke 153th und Third Street ("City of Gardena") liest man "Market", aber niemand kauft hier ein, alles ist tot, geschlossen, vor langer Zeit erloschen.

Und wieder Büsche, Bäume, Stromleitungen, Zäune; das Immergleiche, das sich niemals gleicht. Plötzlich fährt ein Pickup-Truck, der Plastikfässer geladen hat, vorne links ins Bild oder ein Mann überquert die Straße gebückt, mit schleppenden Schritten und auf dem Harbour Freeway, kurz vor dem 6th Street Overpass, erkennt man am Fahrbahnrand einen Schatten: Ist es ein Mensch? "War es ein Mensch?", fragte sich K. So kann man immer weiterfragen vor diesen Aufnahmen, nach der Frau im leuchtenden Kleid, die vor dem Gitterzaun des Lagerhauses auf der anderen Straßenseite entlanggeht, trotzig und aufrecht in der glühenden Leere, oder nach dem Mann mit der Tasche vor der Ruine einer Tankstelle, oder nach den Bürotürmen von Century City am Horizont des Olympic Boulevard, Blick nach Westen, an einem Hochsommertag.

Man kann dieses Fotos wie Tarotkarten lesen, denn sie weissagen die Zukunft der Stadt, die einmal Wüste war und wieder Wüste sein wird, so wie sie vor dem vorbeigleitenden Auge des deutschen Fotografen für einen Moment die
Farbe und Gestalt der Wüste angenommen hat.

Eins von Langes besten Bilder zeigt einen Hund, oder besser den Umriss eines Hundes, vor einer Mauer, auf der "Church Annex" steht; zwischen den beiden Wörtern hängt ein hölzernes Kreuz, rechts ragt ein Wasserhahn aus dem Boden, darüber ein vergittertes Fenster. Dies alles voller Schatten, schwarz und weiß, Mittag und Mitternacht zugleich. In der barocken Allegorik war der Hund ein Symbol der Vergänglichkeit, und Dürer hat ihn so gemalt, zu Füßen des zornigen Engels in seinem Stich "Melancholia". Vielleicht hat der Fotograf es auf diese Andeutung abgesehen, oder er hat an etwas ganz anderes gedacht; jedenfalls liegt in dieser Aufnahme die Essenz von Los Angeles, der Stadt der Engel, die abgewandte Seite ihres Glücks, ihrer Weite, ihrer Leichtigkeit. Der Industriegürtel südöstlich von Downtown L.A. war einmal Arbeitergebiet, einst, als die Mitte der Stadt und das Zentrum ihrer Wirtschaftskraft noch in eins fielen. Heute ist er Slum, skid row, barrio, Gangland, während die Banken, die Computerfirmen, die Freizeitparks und ihre Angestellten weitergewandert sind nach Nordwesten und Südosten, einer Welle gleich, bis sie sich an den Bergen und am Pazifik bricht.

Diesen Prozess, also die eigentliche Geschichte der Stadt, zeigen Michael Langes Fotos nicht; man sieht nur, was übrigbleibt, wenn die Welle vorüber ist. Lange hat seine auf Polaroid-Film gemachten Bilder auf das Format von hundertzwanzig mal hundertachtzig Zentimeter aufgeblasen, so dass sich, wenn man näher heran geht, alles in Körnung auflöst, in schwarze und weiße Punkte, die nichts mehr bedeuten. Das entspricht der Erinnerung an L.A., wenn man wieder zu Hause ist: Da bleibt ein Rauschen, ein Geruch nach Blüten und Benzin, ein Nachgeschmack nach Weite und Licht, doch wenn man ein Bild oder einen Satz daraus machen will, greift man ins Leere. Man muss sofort abdrücken, draufhalten, wie es Lange getan hat, dann fängt man diese Stadt. Auf einmal, fern, am Ende eines Abhangs, hinter einem Zaun auf einem Parkplatz, dröhnend, riesig und hell: das Meer.

 

 
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